Ein Wort fehlt — und Ihre Note fällt um zwei Stufen
Auf einen Blick: «Zu unserer vollen Zufriedenheit» und «stets zu unserer vollen Zufriedenheit» unterscheiden sich um ein einziges Wort. Und um eine ganze Notenstufe. Wer das nicht weiss, liest sein eigenes Zeugnis falsch — und zwar systematisch zu gut.
Es gibt in Schweizer Arbeitszeugnissen einen Satz, den fast jeder schon einmal gelesen hat, ohne ihn wirklich zu lesen:
«Er/Sie erfüllte die ihm/ihr übertragenen Aufgaben zu unserer vollen Zufriedenheit.»
Klingt gut, oder? Volle Zufriedenheit. Nichts auszusetzen.
Für eine Personalverantwortliche, die pro Woche dreissig Zeugnisse durchsieht, steht dort etwas anderes: befriedigend. Note 4 von 6. Mittelmass.
Der Grund ist ein einzelnes fehlendes Wort.
Die Skala, die niemandem erklärt wird
Schweizer Arbeitszeugnisse müssen nach Art. 330a OR zugleich wahr und wohlwollend sein. Kollidieren die beiden, geht die Wahrheit vor — eine schwache Leistung darf also durchaus als solche im Zeugnis stehen. Was das Wohlwollensprinzip verbietet, ist die unnötig scharfe Form: die Abwertung, die das berufliche Fortkommen mehr erschwert, als die Sache es verlangt.
Was tut man, wenn man die Wahrheit sagen muss, aber sie nicht hart formulieren darf? Man baut eine Geheimsprache. Und die funktioniert über Verstärkungswörter:
| Formulierung | Note |
|---|---|
| «stets zu unserer vollsten Zufriedenheit» | 6 — sehr gut |
| «stets zu unserer vollen Zufriedenheit» | 5 — gut |
| «zu unserer vollen Zufriedenheit» | 4 — befriedigend |
| «zu unserer Zufriedenheit» | 3 — ausreichend |
| «im Grossen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit» | 2 — mangelhaft |
| «bemühte sich, die Aufgaben zu erledigen» | 1 — ungenügend |
Lesen Sie die Liste noch einmal von oben nach unten. Kein einziger dieser Sätze klingt böse. Der schlechteste von allen — «bemühte sich» — klingt sogar geradezu wohlwollend. Jemand hat sich Mühe gegeben! Nur steht eben nirgends, dass dabei etwas herauskam.
Wichtig für alle, die deutsche Ratgeber gelesen haben: In der Schweiz ist 6 die Bestnote und 1 die schlechteste. In Deutschland ist es umgekehrt. Wer die deutsche Skala im Kopf hat, dreht das Ergebnis exakt um.
Die drei Stellen, an denen Ihre Note wirklich steht
1. Das Wort «stets»
«Stets» heisst: durchgehend, immer, ohne Ausnahme. Fehlt es, war die Leistung eben nicht durchgehend gut, sondern nur im Endergebnis in Ordnung.
Das ist der teuerste einzelne Buchstabenblock in Ihrem Zeugnis. Fünf Zeichen, eine Notenstufe.
2. Die Steigerung «vollsten»
«Voll» ist gut. «Vollsten» ist die Bestnote. Wer beides verwechselt, verwechselt Note 5 mit Note 6.
Manche Arbeitgeber vergeben «vollsten» grundsätzlich nie, aus Prinzip. Das ist erlaubt — es bedeutet aber, dass in solchen Häusern die 5 faktisch die Höchstnote ist.
3. Jede Relativierung
«Im Grossen und Ganzen». «Weitgehend». «Eine gewisse Selbständigkeit». Jedes dieser Wörter ist eine Einschränkung, die im Klartext bedeutet: Es gab nennenswerte Ausnahmen.
Ein Arbeitgeber, der wirklich zufrieden war, schränkt nicht ein. Er hat keinen Grund dazu.
Und wenn die Skala gar nicht vorkommt?
Dann ist das auch eine Aussage. Ein Vollzeugnis, das nach drei Jahren Anstellung nur festhält, dass jemand «die ihm übertragenen Aufgaben erledigte», enthält formal keinen einzigen negativen Satz — und ist trotzdem ein schlechtes Zeugnis. Ein auffällig kurzes, inhaltsleeres Dokument gilt in der Praxis selbst dann als Warnsignal, wenn man keinen einzelnen Satz beanstanden kann.
Es ist die Zeugnissprache-Version von «kein Kommentar».
Was Sie jetzt tun können
Nehmen Sie Ihr Zeugnis und suchen Sie den einen Satz, der Ihre Leistung zusammenfasst. Vergleichen Sie ihn Wort für Wort mit der Tabelle oben. Wörtlich — nicht dem Sinn nach.
Wenn Sie tiefer stehen, als Sie erwartet hätten: Sie haben nach Art. 330a OR Anspruch auf ein wohlwollendes Zeugnis, und eine Korrektur zu verlangen ist völlig üblich. Wie das geht, steht im Ratgeber zum Anfechten — samt fertigem Musterbrief.
Und wenn Sie es nicht selbst auszählen wollen: Laden Sie Ihr Zeugnis hoch. Die Gesamtnote gibt es gratis.