Sie verlangen ein Zwischenzeugnis — und Ihr Chef weiss sofort, dass Sie gehen wollen
Auf einen Blick: Ein Zwischenzeugnis ist Ihr gutes Recht. Aber die Anfrage selbst ist ein Signal, und die meisten Leute senden es zum ungünstigsten Zeitpunkt. Wann Sie fragen sollten, wie Sie fragen sollten — und warum Sie es trotzdem tun sollten.
Es gibt einen Moment, in dem viele Angestellte an ein Zwischenzeugnis denken: kurz bevor sie sich bewerben wollen.
Das ist verständlich. Es ist auch der schlechteste denkbare Zeitpunkt.
Denn Ihre Vorgesetzte hat diesen Film schon gesehen. Sie bekommt Ihre Anfrage, rechnet zwei und zwei zusammen und weiss ab jetzt: Diese Person ist auf dem Sprung. Was danach passiert, hängt ganz von ihr ab — und Sie haben die Kontrolle darüber gerade abgegeben.
Warum Sie trotzdem eines verlangen sollten
Bevor das falsch ankommt: Ein Zwischenzeugnis ist eine der nützlichsten Absicherungen im Arbeitsleben, und der Anspruch darauf ist in der Schweiz gut abgestützt.
Der eigentliche Wert liegt nicht in der Bewerbung. Er liegt darin, dass eine Beurteilung festgehalten wird, solange die Leute noch da sind, die sie abgeben können.
Wechselt Ihre Vorgesetzte, wird die Abteilung umgebaut, oder verlassen Sie die Firma erst in vier Jahren — dann schreibt Ihr Schlusszeugnis womöglich jemand, der nie mit Ihnen gearbeitet hat. Diese Person hat zwei Quellen: die Personalakte und ein vorhandenes Zwischenzeugnis. Existiert kein Zwischenzeugnis, bleibt die Akte. Und Personalakten sind selten wohlwollend geschrieben.
Ein Zwischenzeugnis ist also weniger ein Bewerbungsdokument als eine Sicherungskopie Ihres Rufs.
Die vier Anlässe, bei denen niemand etwas hineininterpretiert
Das Signalproblem verschwindet vollständig, wenn es einen sachlichen Anlass gibt. Warten Sie auf einen davon — oder besser: handeln Sie, sobald einer eintritt.
1. Ihre vorgesetzte Person wechselt. Der mit Abstand beste Zeitpunkt. Die Bitte ist offensichtlich vernünftig: Wer Sie beurteilen kann, geht gerade. Niemand liest darin einen Kündigungswunsch.
2. Sie wechseln die Rolle oder Abteilung. Ein Zwischenzeugnis schliesst den bisherigen Abschnitt sauber ab. Das ist der Normalfall, nicht die Ausnahme.
3. Eine Reorganisation, Fusion oder Übernahme steht an. Hier fragen oft mehrere Leute gleichzeitig. Sie fallen nicht auf, und die Sorge ist berechtigt.
4. Nach einer längeren Abwesenheit. Vor oder nach Elternzeit, einem Sabbatical oder einer langen Krankheit ist die Bitte selbstverständlich.
Gibt es keinen dieser Anlässe und Sie brauchen trotzdem eines: Machen Sie es zur Routine, bevor Sie es brauchen. Wer alle zwei Jahre eines verlangt, hat eine Gewohnheit — und keine Ankündigung.
Wie Sie fragen
Kurz, schriftlich, ohne Rechtfertigung. Je mehr Sie begründen, desto mehr klingt es nach Ausrede.
«Liebe Frau X, da meine Zuständigkeit ab Januar in den Bereich Y wechselt, möchte ich den bisherigen Abschnitt gerne dokumentiert haben. Könntest du mir bitte ein Zwischenzeugnis ausstellen? Vielen Dank.»
Das reicht. Ein Satz Anlass, ein Satz Bitte.
Was Sie nicht tun sollten: anbieten, es selbst zu schreiben, «damit es schneller geht». Das klingt hilfsbereit und wirkt oft wie Misstrauen. Warten Sie den Entwurf ab — Änderungswünsche können Sie danach immer noch anbringen.
Und dann: lesen Sie es richtig
Ein Zwischenzeugnis, das Sie ungelesen ablegen, hat seinen Zweck verfehlt. Es ist die Vorlage für Ihr Schlusszeugnis — was darin steht, steht am Ende sehr wahrscheinlich auch dort.
Achten Sie besonders auf zwei Dinge:
- Die Zufriedenheitsformel. Ein fehlendes «stets» kostet eine ganze Notenstufe, und der Satz klingt dabei unverändert freundlich.
- Was nicht dasteht. Fehlende Vorgesetzte, fehlende Ehrlichkeitsbestätigung, eine zu knappe Schlussformel — Auslassungen sind in der Zeugnissprache Aussagen.
Der grosse Vorteil eines Zwischenzeugnisses: Sie können jetzt noch etwas ändern. Sie sitzen noch im Haus, das Verhältnis ist intakt, und eine Korrekturbitte ist ein Gespräch und kein Streit. Beim Schlusszeugnis ist das oft anders.
Zusammengefasst
Verlangen Sie ein Zwischenzeugnis nicht, weil Sie gehen wollen — sondern damit es da ist, falls Sie es einmal brauchen. Nutzen Sie einen sachlichen Anlass, halten Sie die Bitte kurz, und lesen Sie das Ergebnis genau.
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